Hohe Luft – Frage 19

Kann ich mich selbst kennen?

Diese Frage im Katalog der Philosophie – Zeitschrift scheint mir kein Zufall zu sein. Sie stellt sich an einem besonderen Tag – dem Jahrestag des Wunsches meiner Mutter nach Erleichterung. Heute vor einem Jahr ist sie zu IHM gegangen, im Inneren sprachlos und scheinbar erleichtert – mein Vater hat sie mit einem Lächeln auf den Lippen gefunden.

Angesichts dieser Erinnerungen und Gefühle, die gerade in mir aufwallen, kann ich die Frage ganz konkret beantworten.

„Ja, aber“ ist meine Antwort.

Ja, denn ich wie jeder von uns habe ja mein Leben lang Erfahrungen mit mir selbst gesammelt. Ich habe Faktenwissen über mich – Größe, Gewicht, Vorlieben, Abneigungen – gesammelt, ebenso aber einen Katalog von Gefühlen und Reaktionen entwickelt, mit denen ich auf meinen Alltag reagiere und Handlungen plane. Das geschieht über den Weg der Analogie – ändert sich die Situation, so kann ich Reaktion anpassen. Voraussetzung dafür bleibt aber, daß ich die Situation kenne.

Es ist nun ja offensichtlich so, daß wir mit dem Tod unserer Mutter keine Erfahrung machen können, das geht eben nur einmal. Daher:

aber jedwede Erfahrung mit dem Weggang von Freunden und anderen Familienmitgliedern kann nicht auf das vorbereiten, was mit uns passiert, wenn Vater oder Mutter sterben.

Da kann ich mich also nicht kennen, bin genauso schutzlos meinen Gefühlen ausgeliefert wie es mein direktes Umfeld auch gewesen und bis heute ist.

Erfahrungen, die jedem von uns den Boden unter den Füßen wegziehen, kreieren spontan feuchte Augen.

Ich sitze an meinem Arbeitsplatz, höre diesen Song aus einer YouTube – Liste – auch kein Zufall, bin ich überzeugt – und fühle mich im gerade weiten Kreis meiner Kollegen wirklich gut.

Zu Feierabend werde ich von einer guten Freundin abgeholt. Wir verbringen den restlichen Tag gemeinsam.