Neubewertung

Das gilt offenbar nicht nur für mich, auch andere Leute haben einen Alltag, um den ich sie nicht beneide. Seit dem ersten Augustwochenende habe ich täglich Kontakt mit der Belgierin.

Am Wochenende des 72. Geburtstags meiner Mutter – wir haben ihn nicht zusammen verbracht – habe ich sie das erste Mal getroffen, sie mittlerweile einige Male gesehen und unterstützt. Hatte ich meinen Alltag schon für sehr schräg, ungeordnet, teils ein Chaos gehalten, so darf ich mittlerweile festhalten, daß mein Leben und Alltag traumhaft geordnet ist.

Beim letzten Besuch an der Mosel habe ich, haben wir erleben können, was mit mir passiert, geht diese Ordnung verloren. Dann schlagen die Symptome meiner Depression richtig durch. Beherrsche ich die deutsche Sprache eigentlich ganz passabel, so war es an dem Wochenende so, daß ich kurzzeitig verstummt bin, einzig unsere wirklich tiefe Vertrautheit und unser Vertrauen zueinander hat mich meine Stimme wiederfinden lassen.

Verstummt bin ich ob des Stresses, der von außen auf V einprasselte und damit auch mich traf. Ich bin es halt nicht gewohnt, daß Kommunikation von Personen aus ihrem Umfeld nur kreischend funktioniert und versucht wird, mit roher Gewalt die Haustür einzutreten, wenn Kommunikation abgebrochen werden muss. Ebenso konnte ich mir bisher nicht vorstellen, daß es mir bekannten Personen absolut keine Probleme bereitet, V ein Glas durchs Gesicht zu ziehen. Die Narbe in ihrem Gesicht – ein Überbleibsel der Not – OP wird sie noch lange Zeit daran erinnern.

Da erscheint, daß ihre Vermieterin es seit fast 14 Tagen nicht hinbekommt, den Öltank wieder aufzufüllen, fast schon wie eine Farce.

Was bin ich froh, daß mein Alltag so geordnet und vielleicht auch langweilig sein kann. Ich werde nie meine Zusage, sie zu unterstützen zurückziehen. Das werde ich nie tun. Das geht unter Freunden einfach nicht; zumal sie es gesundheitlich einfach nicht hinbekäme.